Die Schmerzen von Waterloo: Schrieben Hämorriden Geschichte?
Hämorriden-Beschwerden sind weit verbreitet. Kein Wunder also, dass auch berühmte Persönlichkeiten von der Erkrankung gepeinigt wurden. In einem Fall könnte das Leiden sogar den Lauf der Weltgeschichte verändert haben.
Gesundheitliche Beschwerden historischer Persönlichkeiten zu bestimmen, ist oft schwierig. Krankheitsbezeichnungen und Untersuchungsmethoden haben sich in der Medizin über die Jahrhunderte stark verändert. Selbst wenn ausführliche medizinische Angaben erhalten sind, bleibt deshalb vielfach ein Rest Unsicherheit, wie Erkrankungen nach heutigen Maßstäben eingeordnet würden. Nichtsdestotrotz lassen sich in der Geschichte Persönlichkeiten identifizieren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit an Hämorriden litten.
Sankt Fiacrius, der Schutzheilige
Als Schutzheiliger der Hämorriden-Patienten gilt der katholischen Kirche der heilige St. Fiacrius, ein im siebten Jahrhundert geborener irischer Einsiedler (Eremit), der vor allem in Frankreich wirkte. Der Sage nach gewährte der Bischoff von Meaux (40 km östlich von Paris gelegene Stadt) dem Einsiedler so viel Land, wie er mit einem Grabstock pflügend binnen eines Tages umrunden konnte. Fiacrius brach auf und zog dabei seinen Stab hinter sich her. Durch ein Wunder öffnete sich eine tiefe Pflugspur hinter ihm. Störende Bäume stürzten aus dem Weg. Eine Frau, die Zeugin des Wunders wurde, zeigte Fiacrius zunächst wegen Zauberei an, woraufhin sich der Einsiedler wütend auf einen Stein setzte. Dieser schmolz dabei und umschloss den Allerwertesten des Eremiten, so dass dieser bequem sitzen konnte. Dieses Wunder führte dazu, dass Fiacrius zum Schutzpatron für Hämorriden-Patienten erklärt wurde.
Offen lassen die verschiedenen Varianten der Legende, ob Fiacrius auch selbst an Hämorriden litt. Allerdings wird er – neben Grabstock oder Schaufel – oft mit einer Feige dargestellt, einem alten Symbol der Erkrankung. Aufgrund der geschilderten Zusammenhänge wurden schmerzhafte Hämorriden lange Zeit als St. Fiacrius-Erkrankung oder St. Fiacrius-Fluch bezeichnet.
Nach Fiacrius, der zugleich Schutzpatron der Gärtner und Taxifahrer ist, sind auch die sog. Fiaker benannt, zweispännige Mietdroschken, die im 17. Jahrhundert in Paris aufkamen und ihren ersten Standplatz in der nach dem Heiligen benannten Straße Rue de Saint Fiacre hatten.
Der Einiger Englands und andere Könige
Eine andere bedeutende Persönlichkeit des Mittelalters, die vermutlich an Hämorriden litt, war Alfred der Große. Der sächsische König herrschte im neunten Jahrhundert im Südwesten der britischen Insel. In Abwehrkämpfen gegen die Invasion der Wikinger gelang es Alfred, die verschiedenen Königreiche auf dem Gebiet des heutigen Englands zu einigen, so dass seine Nachfolger als erste angelsächsische Könige Herrscher über das gesamte Territorium des modernen Englands wurden.
Aus Alfreds Leben sind zahlreiche Episoden von Hämorriden-Beschwerden überliefert. Unter anderem erkrankte er unmittelbar nach seiner Hochzeit schwer und musste er lange Zeiten, auf dem Bauch liegend mit Gebeten verbringen, um sein Leiden zu bessern.
Spätere Könige Englands litten ebenfalls an Hämorriden. Heinrich V. (1387–1422) verstarb vermutlich sogar an einer schweren Hämorriden-Blutung, wenngleich auch eine Erkrankung an der Ruhr als Erklärung für seinen Tod in Erwägung gezogen wird. Ein weiterer königlicher Hämorriden-Patient war Ludwig XIII. von Frankreich (1601–1643), der Vater des Sonnenkönigs Ludwig XIV.
Reformatoren, Musiker und Schriftsteller
Hämorriden unterscheiden nicht hinsichtlich Beruf oder Berufung eines Menschen. So gehören auch der Reformator Martin Luther (1483-1546), Schriftsteller wie Charles Bukowski (1920–1994), der Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway (1899–1961) oder Komponisten wie Giacomo Meyerbeer (1791–1864) und Gustav Mahler (1860–1911) zu den Hämorriden-Patienten. Mahler erlitt 1901 eine schwere Hämorriden-Blutung, die ihn stark erschreckte und ihn bewog, das Leiden operieren zu lassen.
Der US-Präsident, für den Ägypten betete
Eine historisch einmalige Zuwendung wurde dem 39. US-Präsidenten Jimmy Carter (Präsident von 1977 bis 1981) aufgrund seiner Hämorriden-Erkrankung zuteil. Weihnachten 1978 litt er, vermutlich aufgrund eines akuten Gefäßverschlusses, an sehr starken Hämorriden-Schmerzen. Für einen Tag sagte er alle Amtstermine ab und floh aus Washington in die Präsidenten-Residenz nach Camp David, um Ruhe vor der Öffentlichkeit zu haben – ein einmaliger Vorgang während Carters Präsidentschaft.
Die gewonnene Zeit nutzte Carter, um mit dem ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat (1918-1981) zu telefonieren. Auf Carters Betreiben war es im gleichen Jahr zu einer Annäherung von Ägypten und Israel gekommen, die in einem bis heute gültigen Friedensvertrag gipfelte, dem ersten zwischen einem arabischen Land und Israel. Sadat war Carter daher freundschaftlich verbunden.
Als Sadat von Carters Beschwerden hörte, forderte er in einer Pressemitteilung am nächsten Tag alle Ägypter, gleichgültig ob Muslime oder Christen, dazu auf, das Weihnachtsfest zu nutzen, um für den amerikanischen Präsidenten zu beten und dadurch dessen Hämorriden-Beschwerden zu bessern.
Tatsächlich ging es Carter am Tag nach Weihnachten so deutlich besser, dass er überlegte, sich öffentlich für die Gebete zu bedanken. Laut Angaben in seiner Autobiografie kam er von diesem Gedanken jedoch wieder ab, weil er seiner Erkrankung in der Öffentlichkeit nicht noch mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen wollte. Dennoch, so schreibt er weiter, seien die Gebete, denen er die Besserung seiner Schmerzen zuschrieb, das schönste und wohltuendste Weihnachtsgeschenk gewesen, das er jemals erhalten habe.
Scheiterte Napoleon an seinen Hämorriden?
Trotz der Häufigkeit und der weiten Verbreitung von Hämorriden-Beschwerden hat vermutlich kein Erkrankungsschub größere historische Tragweite als der akute Hämorriden-Gefäßverschluss, an dem der französische Kaiser Napoleon Bonaparte am 18. Juni des Jahres 1815 litt, dem Tag der Schlacht von Waterloo.
Zu diesem Zeitpunkt war Napoleon infolge seines gescheiterten Russland-Feldzugs 1812 von den anderen europäischen Großmächten bereits einmal zur Abdankung gezwungen und auf die Insel Elba vor der italienischen Küste verbannt worden. Anfang des Jahres 1815 war Napoleon jedoch mit rund 1.000 ihm ergebenen Soldaten aus der Verbannung entkommen und Richtung Paris marschiert. Dabei gelang es ihm durch einen spektakulären Auftritt, die gegen ihn entsandten Truppen dazu zu bewegen, ihn erneut als Kaiser anzuerkennen und sich ihm anzuschließen. Es begann die so genannte Herrschaft der 100 Tage.
Die anderen europäischen Großmächte waren sofort alarmiert, befürchteten eine erneute französische Vorherrschaft auf dem Kontinent und schickten unter Führung des englischen Herzogs von Wellington sowie des preußischen Generalfeldmarschalls Blücher starke Truppen gegen Frankreich. Auf dem Gebiet des heutigen Belgiens kam es zu zwei Schlachten, zunächst bei Ligny, wo Napoleon die Preußen schlagen, aber nicht entscheidend schwächen konnte, und am 18. Juni 1815 bei Waterloo, wo Napoleon zunächst nur auf Wellingtons Armee traf.
Krankheitsbedingte Unentschlossenheit?
Am Tag der Schlacht war Napoleon gesundheitlich so angeschlagen, dass er die Schlacht nicht wie gewohnt vom Sattel eines Pferdes verfolgen konnte. Um 10 Uhr morgens legte er sich noch einmal für eine Stunde zu Bett bevor er gegen 11:30 Uhr den Angriffsbefehl gab. Eine ähnliche Zögerlichkeit hatte er auch bei Ligny am Tag zuvor gezeigt, als er nach dem Sieg darauf verzichtet hatte, die preußischen Truppen verfolgen und aufreiben zu lassen.
Beide Verzögerungen erwiesen sich als verhängnisvoll für Napoleon. Nachdem er zunächst erfolgreich gegen Wellingtons Armee vorgegangen war, erreichten am Nachmittag die kurz zuvor noch besiegten preußischen Truppen das Schlachtfeld. Sie stellten eine so starke Übermacht gegenüber den Franzosen her, dass die Schlacht entschieden war.
Napoleon flüchtete nach Paris, hatte aber beinahe allen Rückhalt für seine Herrschaft verloren. Am 22. Juni 1815 trat er zurück. Er wurde auf die Insel St. Helena im Südatlantik verbannt, wo er am 5. Mai 1821, vermutlich an Magenkrebs, verstarb.
Brachen Napoleons Hämorriden Frankreichs Macht?
Trotz des möglicherweise bestehenden Einflusses von Napoleons Hämorriden auf die Schlacht von Waterloo stimmen Historiker heute darin überein, dass Napoleons Herrschaft selbst dann beendet worden wäre, wenn er mit seinen Truppen die Schlacht von Waterloo gewonnen hätte. Dazu waren die gegnerischen Truppen zu stark und die europäischen Kontrahenten zu entschlossen, die französische Dominanz über den Kontinent zu brechen. Vermutlich hätte es also selbst im Fall eines napoleonischen Sieges bei Waterloo weitere Schlachten gegeben, bis der französische Kaiser endgültig besiegt worden wäre. Dennoch bleibt die Vorstellung faszinierend, welchen Einfluss die Hämorriden eines einzelnen Menschen auf den Gang der Geschichte gehabt haben könnten.



